Wer versteht, was während der Geburt passiert, kann ruhiger damit umgehen. Dieser Artikel erklärt, wie eine vaginale Geburt abläuft, was in den einzelnen Phasen körperlich geschieht und wie die Begleitperson helfen kann.

Die Zeit vor der Geburt
Bevor die eigentlichen Geburtsphasen beginnen, leistet der Körper oft schon tagelang Vorarbeit. Wie erkennt man, ob es wirklich losgeht?
Vorwehen oder Geburtswehen?
Gegen Ende der Schwangerschaft spüren viele Frauen ein Hartwerden des Bauches.
- Vorwehen (Übungswehen/Senkwehen): Meist unregelmäßig, klingen nach einiger Zeit ab und verändern ihre Intensität nicht wesentlich bei einem Positionswechsel oder einem warmen Bad. Sie helfen dabei, das Köpfchen des Babys tiefer ins Becken zu schieben.
- Geburtswehen: Kommen in regelmäßigen, kürzer werdenden Abständen, die Intensität nimmt stetig zu. Ein warmes Bad lässt sie meist nicht verschwinden, sondern verstärkt sie oft.
Das Platzen der Fruchtblase
Nicht bei jeder Frau beginnt die Geburt mit Wehen. Manchmal macht zuerst die Fruchtblase auf sich aufmerksam – als plötzlicher Schwall klarer Flüssigkeit oder nur tröpfchenweise, wenn der Riss weit oben liegt. Fruchtwasser ist meist farb- und geruchlos oder riecht leicht süßlich. Bei Verdacht sollten Sie Ihre Hebamme oder Klinik kontaktieren.
Wann in den Kreißsaal fahren?
Als Faustregel gilt beim ersten Kind: Wenn die Wehen über etwa ein bis zwei Stunden regelmäßig alle 5 bis 7 Minuten kommen und jeweils rund eine Minute andauern, ist es Zeit aufzubrechen. Bei weiteren Schwangerschaften sollten Sie früher fahren, da die Geburt oft schneller voranschreitet. Auch bei Blasensprung, Blutungen oder wenn Sie sich zu Hause nicht mehr sicher fühlen, fahren Sie in die Klinik oder ins Geburtshaus.
Die 4 Phasen der Geburt
Jede Geburt verläuft anders. Manche Frauen gebären in wenigen Stunden, andere brauchen mehr als einen Tag. Der körperliche Ablauf folgt dennoch immer dem gleichen Schema und wird medizinisch in vier Phasen unterteilt:
- Die Eröffnungsphase (inklusive Latenzphase)
- Die Übergangsphase
- Die Austreibungsphase
- Die Nachgeburtsphase
Phase 1: Die Eröffnungsphase
Die Eröffnungsphase ist die längste Phase. Der Gebärmutterhals (Zervix) verstreicht, und der Muttermund öffnet sich vollständig, damit das Baby den Geburtskanal passieren kann.
Die frühe Eröffnungsphase (Latenzphase)
Der Gebärmutterhals, der in der Schwangerschaft etwa drei bis vier Zentimeter lang und fest verschlossen war, wird weich, verkürzt sich, und der Muttermund öffnet sich auf drei bis vier Zentimeter.
- Die Wehen: Noch gut auszuhalten, ähneln starken Regelschmerzen und kommen oft im Abstand von 10 bis 20 Minuten.
- Was Sie tun können: Bleiben Sie so lange wie möglich zu Hause. Lenken Sie sich ab, versuchen Sie zu schlafen. Energie sparen ist hier sinnvoll.
Die aktive Eröffnungsphase
Ab etwa vier Zentimetern Muttermundsöffnung beginnt die aktive Phase. Beim ersten Kind rechnet man im Durchschnitt mit etwa 8 bis 14 Stunden für die gesamte Eröffnungsphase, bei weiteren Kindern oft deutlich weniger. Die Wehen kommen nun alle 3 bis 5 Minuten, sind kräftig und erfordern volle Konzentration – während einer Wehe ist Sprechen kaum noch möglich.
Der Muttermund ist ein ringförmiger Muskel am unteren Ende der Gebärmutter. Durch das Zusammenziehen der Gebärmuttermuskulatur wird das Baby nach unten gedrückt, während sich die Muskelfasern nach oben zurückziehen – so öffnet sich der Muttermund bei jeder Wehe ein Stück weiter, bis er einen Durchmesser von etwa 10 Zentimetern erreicht.
Phase 2: Die Übergangsphase
Die Übergangsphase ist die kürzeste, aber oft intensivste Phase. Sie markiert den Übergang von der Eröffnungs- zur Austreibungsphase – von etwa 8 bis 10 Zentimetern Muttermundsöffnung.
Die Wehen kommen jetzt fast ohne Pause. Viele Frauen fühlen sich überrollt, klagen über Übelkeit und Zittern und denken: „Ich kann nicht mehr.“ Für Hebammen ist das ein Zeichen, dass das Baby fast da ist.
Atmen in der Übergangsphase
Bewusstes Atmen hilft in dieser Phase besonders. Da die Wehen so stark sind, neigen viele Frauen dazu, zu verkrampfen oder die Luft anzuhalten.
- Tief in den Bauch atmen: Beim Ausatmen bewusst loslassen – Schultern senken, Kiefer entspannen.
- Tönen: Ein tiefes „Aaaa“ oder „Oooo“ beim Ausatmen hilft, den Schmerz zu verarbeiten und den Beckenboden zu entspannen. Hohe Töne wie „Iiii“ spannen Kiefer und Beckenboden eher an.
- Hecheln vermeiden: Zu flaches Atmen kann durch Hyperventilation zu Schwindel führen. Hebammen leiten hier oft zu einer rhythmischen Atmung an.

Schmerzmanagement und medizinische Hilfe
In der aktiven Eröffnungs- und Übergangsphase suchen viele Frauen nach Möglichkeiten der Schmerzlinderung. Es gibt zahlreiche Optionen, von natürlichen Methoden bis hin zu medizinischen Eingriffen.
Natürliche Wege zur Schmerzlinderung
Natürliche Schmerzlinderung während der Entbindung hat den Vorteil, dass sie keine Nebenwirkungen für Mutter und Kind hat.
- Wasser: Ein Aufenthalt in der Geburtswanne oder unter der warmen Dusche wirkt krampflösend und entspannend.
- Bewegung und Positionen: Ein Positionswechsel kann Wunder wirken. Beckenkreisen auf dem Pezziball hilft dem Baby zudem, tiefer ins Becken zu rutschen.
- Massagen und Akupunktur: Sanfter Druck auf den unteren Rücken durch den Partner oder Akupunktur durch die Hebamme lindern den Schmerzreiz.
Die PDA: Ein Abwägen
Wenn natürliche Methoden nicht ausreichen, entscheiden sich viele Frauen für eine Periduralanästhesie (PDA). Es ist wichtig, PDA Risiken und Vorteile im Vergleich zu betrachten:
- Vorteile: Sie nimmt den Schmerz fast vollständig, ermöglicht es erschöpften Müttern, sich auszuruhen und Kraft für die Pressphase zu sammeln.
- Risiken/Nachteile: Die PDA kann die Wehentätigkeit abschwächen (oft wird dann ein Wehentropf nötig), sie schränkt die Bewegungsfreiheit ein (Sie müssen oft im Bett bleiben) und sie kann dazu führen, dass Sie den Pressdrang in der Austreibungsphase weniger gut spüren, was diese Phase verlängern kann.
Wenn die Natur einen Schubs braucht
Manchmal verläuft nicht alles nach Plan, und medizinische Interventionen bei vaginaler Geburt werden notwendig. Das kann die Gabe von wehenförderndem Oxytocin sein, wenn die Wehen schwächer werden. In der späteren Pressphase kann es bei Geburtsstillstand oder schlechten Herztönen des Babys zum Einsatz einer Saugglocke (Vakuumextraktion) kommen, um das Baby sicher und schnell auf die Welt zu holen.
Phase 3: Die Austreibungsphase
Der Muttermund ist nun vollständig (10 cm) geöffnet. Das Baby hat den Weg in den Geburtskanal gefunden. Nun beginnt die aktive Arbeit.
Der Ablauf der Austreibungsphase
Der Ablauf der Austreibungsphase im Detail beginnt oft mit einer kurzen Wehenpause, in der die Mutter nochmal Kraft schöpfen kann. Dann ändert sich die Art der Wehen. Sie werden zu Presswehen. Sie spüren nun einen unbändigen, reflexartigen Drang mitzuschieben – vergleichbar mit einem extrem starken Stuhldrang. Das Baby dreht sich durch das weibliche Becken (eine Schraubenbewegung) tief nach unten. Mit jeder Wehe schieben Sie das Köpfchen weiter Richtung Ausgang. Am Ende dehnt das Köpfchen den Dammbereich enorm auf („Ring of Fire“ genannt, da es stark brennen kann), bis der Kopf geboren wird. Mit der nächsten Wehe folgen die Schultern und schließlich der restliche Körper. Das Baby ist geboren!
Die besten Positionen
Wer im Bett auf dem Rücken liegt, arbeitet gegen die Schwerkraft. Gebärpositionen für eine leichtere Entbindung nutzen die Schwerkraft und vergrößern den Beckenausgang:
- Vierfüßlerstand: Entlastet den Rücken und hilft bei starken Rückenschmerzen.
- Hocke: Der Beckendurchmesser ist hierbei maximal vergrößert.
- Seitenlage: Ideal, wenn man erschöpft ist, aber das Becken beweglich bleiben soll.
- Stehend (am Seil oder Partner abgestützt): Die Schwerkraft arbeitet optimal mit.
Dammriss vermeiden
Viele Frauen haben große Angst vor Geburtsverletzungen. Man kann einem Dammriss vorbeugen durch Dammmassage, die man bereits ab der 34. Schwangerschaftswoche zu Hause regelmäßig mit einem speziellen Öl durchführt. Dies macht das Gewebe weich und dehnbar. Während der Austreibungsphase kann die Hebamme zudem warme, feuchte Kompressen auf den Damm legen. Dieses sogenannte „Damm-Schützen“ fördert die Durchblutung und hilft dem Gewebe, sich ohne zu reißen über das kindliche Köpfchen zu spannen.
Phase 4: Die Nachgeburtsphase
Das Baby liegt schreiend und warm auf Ihrer Brust. Doch die Geburt ist noch nicht ganz vorbei. Die vierte und letzte Etappe ist die Plazentaablösung und Nachgeburtsphase.
Etwa 10 bis 30 Minuten nach der Geburt des Kindes zieht sich die Gebärmutter erneut zusammen. Diese sogenannten Nachwehen sind deutlich schwächer als die Geburtswehen. Durch das Zusammenziehen löst sich der Mutterkuchen (Plazenta) von der Gebärmutterwand. Meist reicht ein leichtes Mitpressen der Mutter, und die Plazenta wird zusammen mit der Eihaut geboren. Die Hebamme wird die Plazenta genau auf Vollständigkeit prüfen. Bleiben Reste in der Gebärmutter, kann dies zu Infektionen oder starken Blutungen führen. Sobald die Plazenta geboren ist, ist die vaginale Geburt offiziell abgeschlossen. Nun werden eventuelle Geburtsverletzungen wie ein Dammriss oder Scheidenriss ärztlich versorgt und genäht (selbstverständlich unter örtlicher Betäubung).
Teamwork im Kreißsaal: Die Rolle der Begleitperson
Die Geburt ist ein teambasierter Prozess. Die Unterstützung durch den Partner im Kreißsaal (oder eine Doula, Schwester, Freundin) ist von unschätzbarem Wert. Frauen, die sich gut betreut fühlen, benötigen statistisch gesehen seltener Schmerzmittel.
Was der Partner konkret tun kann:
- Raum halten: Eine ruhige, beschützende Atmosphäre schaffen (Licht dimmen, störende Geräusche minimieren).
- Körperliche Unterstützung: Massagen des unteren Rückens, das Reichen von Wasser oder Lippenbalsam, das Stützen bei Positionswechseln.
- Advokat sein: Die Wünsche der Frau aus dem Geburtsplan gegenüber dem medizinischen Personal kommunizieren, besonders wenn die Frau in den Wehen nicht sprechen kann.
- Mentale Stärke geben: Zuspruch wie „Du machst das großartig“, „Jede Wehe bringt unser Baby näher“ oder das gemeinsame Atmen helfen der gebärenden Frau enorm, den Fokus zu behalten.
Fazit: Vertrauen Sie auf Ihren Körper
Die Reise durch die Geburtsphasen – So verläuft eine vaginale Geburt ist eine Meisterleistung der Natur. Von den ersten, sanften Vorwehen bis zur kraftvollen Austreibungsphase durchlaufen Sie als werdende Mutter einen Prozess, der seit Jahrtausenden im weiblichen Körper verankert ist.
Indem Sie sich im Vorfeld mit den körperlichen Abläufen vertraut machen, Atemtechniken üben und sich über Schmerzlinderungsmöglichkeiten sowie mögliche Interventionen informieren, nehmen Sie der Geburt das Unbekannte. Denken Sie immer daran: Jede Geburt ist einzigartig. Manchmal ändern sich Pläne im Kreißsaal, und das ist vollkommen in Ordnung. Das Wichtigste ist, dass Sie sich sicher fühlen, auf Ihr Bauchgefühl hören und Ihrem Körper vertrauen. Am Ende dieser unglaublichen Reise wartet die schönste Belohnung: der erste Blick in die Augen Ihres Babys.
