Geburtsphasen: So verläuft eine vaginale Geburt

Das Wissen um das Thema Geburtsphasen – So verläuft eine vaginale Geburt ist einer der besten Wege, um Ängste abzubauen und mit Selbstvertrauen in den Kreißsaal zu gehen. Wer versteht, was in den einzelnen Etappen geschieht, kann besser loslassen und mit den Wellen der Natur arbeiten, anstatt gegen sie anzukämpfen.

In diesem umfassenden Ratgeber nehmen wir Sie mit auf die Reise der Geburt. Wir erklären Ihnen detailliert alle Phasen der Geburt, welche körperlichen Veränderungen stattfinden und wie Sie und Ihre Begleitperson diese einmalige Erfahrung bestmöglich meistern können.

Schwangere Frau sitzt entspannt auf einem Gymnastikball und bereitet sich mental auf die Geburt vor

Die Zeit vor der Geburt: Wenn der Körper probt

Bevor die eigentlichen vaginale Geburt Phasen beginnen, leistet der Körper oft schon tagelang oder sogar wochenlang Vorarbeit. Die Gebärmutter trainiert für den großen Tag. Doch wie erkennt man, ob es wirklich losgeht?

Der Unterschied zwischen Vorwehen und Geburtswehen

Gegen Ende der Schwangerschaft spüren viele Frauen ein Hartwerden des Bauches. Hier ist es wichtig, den Unterschied zwischen Vorwehen und Geburtswehen zu kennen.

  • Vorwehen (Übungswehen/Senkwehen): Sie sind meist unregelmäßig, klingen nach einiger Zeit wieder ab und verändern ihre Intensität nicht wesentlich, wenn Sie Ihre Position wechseln oder in eine warme Badewanne steigen. Sie dienen dazu, das Köpfchen des Babys tiefer in das Becken zu schieben.
  • Geburtswehen: Sie kommen in regelmäßigen Abständen, die Zeitabstände werden immer kürzer, und die Intensität nimmt stetig zu. Ein warmes Bad lässt Geburtswehen in der Regel nicht verschwinden, sondern verstärkt sie oft noch.

Das Platzen der Fruchtblase

Nicht bei jeder Frau beginnt die Geburt mit Wehen. Manchmal macht zuerst die Fruchtblase auf sich aufmerksam. Anzeichen für einen vorzeitigen Blasensprung können ein plötzlicher, großer Schwall klarer Flüssigkeit sein, aber auch nur ein tröpfchenweiser Abgang von Fruchtwasser, wenn der Riss in der Blase weit oben liegt. Sollten Sie den Verdacht haben, Fruchtwasser zu verlieren (es ist meist farb- und geruchlos oder riecht leicht süßlich), sollten Sie Ihre Hebamme oder Klinik kontaktieren.

Wann in den Kreißsaal fahren?

Eine der häufigsten Fragen werdender Eltern lautet: Wann in den Kreißsaal fahren? Als Faustregel gilt beim ersten Kind: Wenn die Wehen über einen Zeitraum von etwa ein bis zwei Stunden regelmäßig alle 5 bis 7 Minuten kommen und jeweils etwa eine Minute andauern, ist es Zeit aufzubrechen. Bei Folgeschwangerschaften sollten Sie sich schon früher auf den Weg machen, da die Geburt oft schneller voranschreitet. Auch bei einem Blasensprung, Blutungen oder wenn Sie sich zu Hause einfach nicht mehr sicher fühlen, ist der Weg in die Klinik oder ins Geburtshaus der richtige Schritt.

Die 4 Phasen der Geburt im Überblick

Jede natürliche Geburt ist individuell. Manche Frauen gebären in wenigen Stunden, andere brauchen mehr als einen Tag. Dennoch folgt der körperliche Prozess immer dem gleichen Schema. Die Geburt wird medizinisch in vier Hauptphasen unterteilt:

  1. Die Eröffnungsphase (inklusive Latenzphase)
  2. Die Übergangsphase
  3. Die Austreibungsphase
  4. Die Nachgeburtsphase

Lassen Sie uns nun tief in jede einzelne Phase eintauchen.

Phase 1: Die Eröffnungsphase

Die Eröffnungsphase ist die längste aller Geburtsphasen. Sie hat die Aufgabe, den Gebärmutterhals (Zervix) verstreichen zu lassen und den Muttermund vollständig zu öffnen, damit das Baby den Weg in den Geburtskanal antreten kann.

Die frühe Eröffnungsphase (Latenzphase)

Doch was passiert in der Latenzphase genau? Dies ist der allererste Teil der Geburt. Der Gebärmutterhals, der in der Schwangerschaft etwa drei bis vier Zentimeter lang und fest verschlossen war, wird nun weich, verkürzt sich (er „verstreicht“) und der Muttermund öffnet sich die ersten drei bis vier Zentimeter.

  • Die Wehen: Sind noch gut auszuhalten, ähneln starken Regelschmerzen und kommen oft im Abstand von 10 bis 20 Minuten.
  • Was Sie tun können: Bleiben Sie so lange wie möglich zu Hause. Lenken Sie sich ab, schauen Sie eine Serie, backen Sie einen Kuchen oder versuchen Sie zu schlafen. Energie sparen ist hier das oberste Gebot!

Die aktive Eröffnungsphase

Wenn der Muttermund etwa vier Zentimeter geöffnet ist, beginnt die aktive Phase. Zukünftige Mütter interessieren sich besonders für das Thema Eröffnungsphase Dauer und Anzeichen. Die Dauer variiert extrem: Beim ersten Kind rechnet man im Durchschnitt mit etwa 8 bis 14 Stunden für die gesamte Eröffnungsphase, bei weiteren Kindern oft deutlich kürzer. Die Anzeichen sind nun unübersehbar: Die Wehen kommen alle 3 bis 5 Minuten, sind kraftvoll und erfordern Ihre volle Konzentration. Sie können während einer Wehe nicht mehr sprechen.

Wie öffnet sich der Muttermund? Der Muttermund ist ein ringförmiger Muskel am unteren Ende der Gebärmutter. Durch das Zusammenziehen der Gebärmuttermuskulatur (die Wehe) wird das Baby nach unten gedrückt. Gleichzeitig ziehen sich die Muskelfasern nach oben zurück, wodurch der Muttermund bei jeder Wehe ein Stückchen weiter aufgedehnt wird – bis er schließlich einen Durchmesser von etwa 10 Zentimetern erreicht hat.

Phase 2: Die Übergangsphase

Dies ist die kürzeste, aber oft intensivste und herausforderndste Phase der Geburt. Sie markiert den Übergang von der Eröffnungs- zur Austreibungsphase (etwa von 8 bis 10 Zentimeter Muttermundsöffnung).

Die Wehen kommen jetzt fast ohne Pause, manchmal überschlagen sie sich regelrecht. Viele Frauen fühlen sich in dieser Phase überrollt, klagen über Übelkeit, Zittern und haben den berühmten Gedanken: „Ich kann nicht mehr, ich gehe jetzt nach Hause!“ Genau dieser Gedanke ist für Hebammen ein hervorragendes Zeichen: Das Baby ist fast da.

Die Kraft des Atmens

Richtiges Atmen in der Übergangsphase ist Ihr stärkstes Werkzeug. Da die Wehen so mächtig sind, neigen viele Frauen dazu, zu verkrampfen oder die Luft anzuhalten.

  • Tief in den Bauch atmen: Konzentrieren Sie sich darauf, beim Ausatmen locker zu lassen (Schultern runter, Kiefer entspannen).
  • Tönen: Ein tiefes „Aaaa“ oder „Oooo“ beim Ausatmen hilft enorm, den Schmerz zu verarbeiten und den Beckenboden zu entspannen. Vermeiden Sie hohe Töne („Iiii“), da diese den Kiefer und somit reflektorisch auch den Beckenboden anspannen.
  • Hecheln vermeiden: Versuchen Sie, nicht zu flach zu atmen, da dies zu Schwindel durch Hyperventilation führen kann. Hebammen leiten Sie hier oft zu einer rhythmischen, geführten Atmung an.
Hebamme unterstützt eine Schwangere im Kreißsaal bei der Wehenatmung

Schmerzmanagement und medizinische Hilfe

In der aktiven Eröffnungs- und Übergangsphase suchen viele Frauen nach Möglichkeiten der Schmerzlinderung. Es gibt zahlreiche Optionen, von natürlichen Methoden bis hin zu medizinischen Eingriffen.

Natürliche Wege zur Schmerzlinderung

Natürliche Schmerzlinderung während der Entbindung hat den Vorteil, dass sie keine Nebenwirkungen für Mutter und Kind hat.

  • Wasser: Ein Aufenthalt in der Geburtswanne oder unter der warmen Dusche wirkt krampflösend und entspannend.
  • Bewegung und Positionen: Ein Positionswechsel kann Wunder wirken. Beckenkreisen auf dem Pezziball hilft dem Baby zudem, tiefer ins Becken zu rutschen.
  • Massagen und Akupunktur: Sanfter Druck auf den unteren Rücken durch den Partner oder Akupunktur durch die Hebamme lindern den Schmerzreiz.

Die PDA: Ein Abwägen

Wenn natürliche Methoden nicht ausreichen, entscheiden sich viele Frauen für eine Periduralanästhesie (PDA). Es ist wichtig, PDA Risiken und Vorteile im Vergleich zu betrachten:

  • Vorteile: Sie nimmt den Schmerz fast vollständig, ermöglicht es erschöpften Müttern, sich auszuruhen und Kraft für die Pressphase zu sammeln.
  • Risiken/Nachteile: Die PDA kann die Wehentätigkeit abschwächen (oft wird dann ein Wehentropf nötig), sie schränkt die Bewegungsfreiheit ein (Sie müssen oft im Bett bleiben) und sie kann dazu führen, dass Sie den Pressdrang in der Austreibungsphase weniger gut spüren, was diese Phase verlängern kann.

Wenn die Natur einen Schubs braucht

Manchmal verläuft nicht alles nach Plan, und medizinische Interventionen bei vaginaler Geburt werden notwendig. Das kann die Gabe von wehenförderndem Oxytocin sein, wenn die Wehen schwächer werden. In der späteren Pressphase kann es bei Geburtsstillstand oder schlechten Herztönen des Babys zum Einsatz einer Saugglocke (Vakuumextraktion) kommen, um das Baby sicher und schnell auf die Welt zu holen.

Phase 3: Die Austreibungsphase

Der Muttermund ist nun vollständig (10 cm) geöffnet. Das Baby hat den Weg in den Geburtskanal gefunden. Nun beginnt die aktive Arbeit.

Der Ablauf der Austreibungsphase

Der Ablauf der Austreibungsphase im Detail beginnt oft mit einer kurzen Wehenpause, in der die Mutter nochmal Kraft schöpfen kann. Dann ändert sich die Art der Wehen. Sie werden zu Presswehen. Sie spüren nun einen unbändigen, reflexartigen Drang mitzuschieben – vergleichbar mit einem extrem starken Stuhldrang. Das Baby dreht sich durch das weibliche Becken (eine Schraubenbewegung) tief nach unten. Mit jeder Wehe schieben Sie das Köpfchen weiter Richtung Ausgang. Am Ende dehnt das Köpfchen den Dammbereich enorm auf („Ring of Fire“ genannt, da es stark brennen kann), bis der Kopf geboren wird. Mit der nächsten Wehe folgen die Schultern und schließlich der restliche Körper. Das Baby ist geboren!

Die besten Positionen

Wer im Bett auf dem Rücken liegt, arbeitet gegen die Schwerkraft. Gebärpositionen für eine leichtere Entbindung nutzen die Schwerkraft und vergrößern den Beckenausgang:

  • Vierfüßlerstand: Entlastet den Rücken und hilft bei starken Rückenschmerzen.
  • Hocke: Der Beckendurchmesser ist hierbei maximal vergrößert.
  • Seitenlage: Ideal, wenn man erschöpft ist, aber das Becken beweglich bleiben soll.
  • Stehend (am Seil oder Partner abgestützt): Die Schwerkraft arbeitet optimal mit.

Dammriss vermeiden

Viele Frauen haben große Angst vor Geburtsverletzungen. Man kann einem Dammriss vorbeugen durch Dammmassage, die man bereits ab der 34. Schwangerschaftswoche zu Hause regelmäßig mit einem speziellen Öl durchführt. Dies macht das Gewebe weich und dehnbar. Während der Austreibungsphase kann die Hebamme zudem warme, feuchte Kompressen auf den Damm legen. Dieses sogenannte „Damm-Schützen“ fördert die Durchblutung und hilft dem Gewebe, sich ohne zu reißen über das kindliche Köpfchen zu spannen.

Phase 4: Die Nachgeburtsphase

Das Baby liegt schreiend und warm auf Ihrer Brust. Doch die Geburt ist noch nicht ganz vorbei. Die vierte und letzte Etappe ist die Plazentaablösung und Nachgeburtsphase.

Etwa 10 bis 30 Minuten nach der Geburt des Kindes zieht sich die Gebärmutter erneut zusammen. Diese sogenannten Nachwehen sind deutlich schwächer als die Geburtswehen. Durch das Zusammenziehen löst sich der Mutterkuchen (Plazenta) von der Gebärmutterwand. Meist reicht ein leichtes Mitpressen der Mutter, und die Plazenta wird zusammen mit der Eihaut geboren. Die Hebamme wird die Plazenta genau auf Vollständigkeit prüfen. Bleiben Reste in der Gebärmutter, kann dies zu Infektionen oder starken Blutungen führen. Sobald die Plazenta geboren ist, ist die vaginale Geburt offiziell abgeschlossen. Nun werden eventuelle Geburtsverletzungen wie ein Dammriss oder Scheidenriss ärztlich versorgt und genäht (selbstverständlich unter örtlicher Betäubung).

Teamwork im Kreißsaal: Die Rolle der Begleitperson

Die Geburt ist ein teambasierter Prozess. Die Unterstützung durch den Partner im Kreißsaal (oder eine Doula, Schwester, Freundin) ist von unschätzbarem Wert. Frauen, die sich gut betreut fühlen, benötigen statistisch gesehen seltener Schmerzmittel.

Was der Partner konkret tun kann:

  • Raum halten: Eine ruhige, beschützende Atmosphäre schaffen (Licht dimmen, störende Geräusche minimieren).
  • Körperliche Unterstützung: Massagen des unteren Rückens, das Reichen von Wasser oder Lippenbalsam, das Stützen bei Positionswechseln.
  • Advokat sein: Die Wünsche der Frau aus dem Geburtsplan gegenüber dem medizinischen Personal kommunizieren, besonders wenn die Frau in den Wehen nicht sprechen kann.
  • Mentale Stärke geben: Zuspruch wie „Du machst das großartig“, „Jede Wehe bringt unser Baby näher“ oder das gemeinsame Atmen helfen der gebärenden Frau enorm, den Fokus zu behalten.

Fazit: Vertrauen Sie auf Ihren Körper

Die Reise durch die Geburtsphasen – So verläuft eine vaginale Geburt ist eine Meisterleistung der Natur. Von den ersten, sanften Vorwehen bis zur kraftvollen Austreibungsphase durchlaufen Sie als werdende Mutter einen Prozess, der seit Jahrtausenden im weiblichen Körper verankert ist.

Indem Sie sich im Vorfeld mit den körperlichen Abläufen vertraut machen, Atemtechniken üben und sich über Schmerzlinderungsmöglichkeiten sowie mögliche Interventionen informieren, nehmen Sie der Geburt das Unbekannte. Denken Sie immer daran: Jede Geburt ist einzigartig. Manchmal ändern sich Pläne im Kreißsaal, und das ist vollkommen in Ordnung. Das Wichtigste ist, dass Sie sich sicher fühlen, auf Ihr Bauchgefühl hören und Ihrem Körper vertrauen. Am Ende dieser unglaublichen Reise wartet die schönste Belohnung: der erste Blick in die Augen Ihres Babys.

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